Standards der EUDI-Wallet: welches Protokoll wofür
Die EUDI-Wallet beruht auf wenigen offenen Standards, die ETSI für Europa zuschneidet und EU-Durchführungsverordnungen verbindlich machen. Diese Seite zeigt, welcher Standard was leistet, welche Version aktuell ist und auf welche Version das Recht verweist.
Seit dem 11. August 2026 bindet die Durchführungsverordnung (EU) 2026/1731 die Wallet an konkrete technische Spezifikationen: Nachweise in SD-JWT VC und ISO mdoc, Ausstellen mit OpenID4VCI, Vorzeigen über ein OpenID4VC-HAIP-Profil oder ein ISO-mdoc-Profil, Widerruf mit der Token Status List der IETF. Die Einzelheiten stehen in drei ETSI-Profilen (TS 119 472-1, -2, -3). Das W3C-Datenmodell für Verifiable Credentials aus den ursprünglichen Verordnungen von 2024 kommt in den geänderten Anhängen nicht mehr vor.
Kurz gesagt
Zwei Nachweisformate laufen nebeneinander. SD-JWT VC beruht auf JSON und wird vor allem online genutzt; mdoc beruht auf CBOR und ist das einzige Format für das Vorzeigen vor Ort. Die geänderte Verordnung sieht beide Formate für PID und Attributsbescheinigungen vor; vertrauende Parteien wählen, was sie anfragen.
Die ETSI-Profile (TS 119 472-x, 119 411-8, 119 475) schneiden die allgemeinen Standards auf die EUDI-Wallet zu. Wo Profil und Grundstandard voneinander abweichen, gilt das Profil, auf das die Verordnung verweist.
Aktuelle Versionen
Die Version in der Verordnung ist nicht immer die neueste. Verbindlich ist für die Umsetzung die Version, auf die der Rechtstext verweist; neuere Versionen zeigen, wohin sich die Spezifikationen entwickeln.
Zwei Spezifikationen in den Anhängen sind noch Entwürfe: Die Verordnung verweist auf Entwurf 20 der Token Status List, während Entwurf 21 inzwischen beim RFC-Editor liegt, und auf SD-JWT VC, das bei der IESG eingereicht, aber noch kein RFC ist. ETSI TS 119 472-2 ist bereits bei V1.3.1; die Verordnung verweist auf V1.2.1. Die Versionen prüft unser Spezifikations-Tracker täglich bei den Herausgebern; zuletzt am : Spezifikations-Tracker.
Die Standards im Einzelnen
OpenID for Verifiable Credential Issuance (OpenID4VCI)
final
OAuth-basiertes Protokoll, mit dem Aussteller PID und Nachweise in die Wallet übertragen (Authorization Code Flow oder Pre-Authorized Code Flow, Batch-Ausstellung, Schlüsselnachweise).
Protokoll, mit dem eine vertrauende Partei Nachweise anfragt und die Wallet sie vorlegt – per Weiterleitung auf demselben Gerät, geräteübergreifend per QR-Code oder über das Digital Credentials API des Browsers. Anfragen beschreibt die Abfragesprache DCQL.
OpenID4VC High Assurance Interoperability Profile (HAIP)
final
Legt aus den Optionen von OpenID4VCI und OpenID4VP sowie für SD-JWT VC und mdoc eine feste Auswahl für hohe Sicherheit fest. Für EUDI-Entwickler der wichtigste Einstieg: Wer HAIP umsetzt, deckt den Online-Weg ab.
JSON-basiertes Nachweisformat auf Grundlage von SD-JWT: Typ (vct), Aussteller, Gültigkeit, Schlüsselbindung. Einzelne Angaben sind selektiv offenlegbar. Vor allem für Online-Abläufe.
Herausgeber
IETF
Neueste
draft-ietf-oauth-sd-jwt-vc-19, 31. Aug. 2026 – in der Prüfung durch die IESG (Waiting for AD Go-Ahead)
Grundmechanismus für SD-JWT VC: Der Aussteller signiert Hashwerte gesalzener Angaben; der Inhaber legt nur die gewünschten Angaben offen und beweist mit einem Key-Binding-JWT den Besitz des Schlüssels.
ISO/IEC 18013-5 (mdoc) – Mobile driving licence (mDL) application
veröffentlicht
Datenformat (CBOR, Mobile Security Object mit Hashwerten je Angabe) und Protokoll für das Vorzeigen vor Ort per QR-Code, NFC oder Bluetooth Low Energy. Ursprünglich für den mobilen Führerschein, in der EUDI-Wallet für PID und weitere Nachweise.
Herausgeber
ISO/IEC
Neueste
ISO/IEC 18013-5:2021, 1. Ausgabe, Sept. 2021 – Überarbeitung läuft (Stufe 90.92), Nachfolger als ISO/IEC DIS 18013-5 in Arbeit
Komprimierte Bitliste, in der der Aussteller den Status vieler Nachweise veröffentlicht (gültig, widerrufen, ausgesetzt). Prüfer laden die Liste, ohne dem Aussteller zu verraten, welcher Nachweis sie interessiert.
Herausgeber
IETF
Neueste
draft-ietf-oauth-status-list-21, 21. Juni 2026 – in der Warteschlange des RFC-Editors
ETSI TS 119 472-1 – Profiles for electronic attestations of attributes
veröffentlicht
EU-Profil für Attributsbescheinigungen und PID in den Formaten SD-JWT VC (Abschnitt 5) und mdoc (Abschnitt 6): Pflichtfelder, Signaturen, Statusangaben.
ETSI TS 119 472-2 – Profiles for presentation to relying parties
veröffentlicht
Zwei Profile für das Vorzeigen: das „ISO/IEC-mdoc-Profil“ (18013-5 vor Ort, 18013-7 Anhang C über Plattform-API) und das „OpenID4VC-HAIP-Profil“ (Weiterleitung oder Plattform-API).
EU-Profil von OpenID4VCI für das Ausstellen von PID und Attributsbescheinigungen, einschließlich Aussteller-Metadaten, Registrierungszertifikat des Ausstellers und eingebetteter Offenlegungsregeln.
ETSI TS 119 602 – Lists of trusted entities; data model
veröffentlicht
Datenmodell für Listen vertrauenswürdiger Stellen wie Wallet-Anbieter, PID-Anbieter und Zertifikatsanbieter; ergänzt die klassischen Vertrauenslisten nach ETSI TS 119 612. Die Wallet-DVOs (2024/2977, 2979, 2980, 2982, 2025/848, 849, 2026/1730, 1731) verweisen nicht darauf; Stand 12.10.2026.
Browser-Schnittstelle (navigator.credentials.get), über die eine Website Nachweise aus einer Wallet auf dem Gerät anfragt. Sowohl OpenID4VP als auch 18013-7 Anhang C können darüber laufen; die DVO spricht allgemein von „API-vermittelter“ Übertragung.
Allgemeines W3C-Datenmodell für überprüfbare Nachweise. Die ursprünglichen DVOs von 2024 nannten Version 1.1; seit der Änderung durch die DVO (EU) 2026/1731 stützen sich die EUDI-Profile auf SD-JWT VC und mdoc.
Gemeinsames technisches Rahmenwerk von Kommission und Mitgliedstaaten: Architektur, Rollen, Abläufe, Anforderungen. Nicht rechtsverbindlich – verbindlich sind die Durchführungsverordnungen, die sich darauf stützen.
Zuerst registrieren. Ohne Registrierung im eigenen Mitgliedstaat gibt es kein Zugangszertifikat, und ohne dieses antwortet die Wallet nicht. Siehe Registrierung und Zugangszertifikat.
Online: OpenID4VP im HAIP-Profil umsetzen, mit DCQL-Anfragen. Beide Übertragungswege einplanen: Weiterleitung bzw. QR-Code und das Digital Credentials API des Browsers.
Möglichst beide Formate unterstützen. SD-JWT VC lässt sich in Web-Backends leichter verarbeiten; mdoc ist für Prüfungen vor Ort nötig und auch online verfügbar.
Sauber prüfen: Signatur des Ausstellers gegen die Vertrauenslisten, Schlüsselbindung und Status über die Token Status List. Nur die registrierten Angaben anfragen – die Wallet gleicht das mit dem Registrierungszertifikat ab.
Versionen festhalten. Gegen die Versionen entwickeln, auf die die Verordnung verweist, und die neueren Entwürfe beobachten; der Spezifikations-Tracker hält Änderungen mit Datum fest.
Diese Übersicht vereinfacht. Maßgeblich sind die Rechtstexte und die Spezifikationen selbst; keine Rechtsberatung. Die Versionen wurden am angegebenen Datum bei den Herausgebern (openid.net, IETF Datatracker, ISO, W3C, ETSI, GitHub) und am Text der Durchführungsverordnungen geprüft. Die Inhalte dürfen unter CC BY 4.0 mit der Namensnennung „Eudigo (eudigo.eu)“ verwendet werden.